Let’s get the popcorn machine going!

17. August 2020 | 2 Kommentare

Der Brexit stellt die Briten vor diverse Herausforderungen, nicht zuletzt im Gesundheitswesen. Müssen wir uns fremdgruseln oder könnten wir wir sogar etwas lernen? Es wird auf jeden Fall spannend! Enjoy your popcorn …

Ich habe die schlechte Angewohnheit, während meiner Longjogs die Podcasts von BBC Global News zu hören. Schlecht, weil die News heutzutage durchwegs eher betrüblichen Inhalts sind und mir die Motivation für das stundenlange Herumtraben in coupiertem Gelände eher rauben als fördern. Aber nach dem mir mein sportlicher Epochalvorsatz – die Teilnahme am Chicagomarathon – coronabedingt zunichte gemacht wurde, spielt die Motivation eh eine untergeordnete Rolle. Ich laufe, um zu laufen und werde am Sonntag, dem 11.10.2020 die vorgesehenen 42,195 Kilometer abspulen, egal wo, egal wie, egal in welcher Zeit. Es lebe der Vorsatz!

Zurück zum Podcast. Neulich wurde über Boris Johnson’s Brexit-Konkretisierung-Kampagne «Let’s get going» berichtet. Darin will der englische Premier seine Landsleute, allen Widrigkeiten zum Trotz – Vorsatz ist Vorsatz! – auf den Eurexodus trimmen. In lyrischen Worten, glanzvollen Bildern und schwärmerischen Videoclips werden die Vorzüge des Alleingangs gepriesen und die Britinnen und Briten auf die Abkoppelung eingefuchst. Diese Art innerer Mobilmachung würde man sich für den Umgang mit dem Coronavirus wünschen, aber, zugegeben, auf diesen konnte man sich weniger intensiv vorbereiten als auf den Austritt aus der EU und politisch ist er viel weniger sexy. Und überhaupt. Was haben wir Schweizer, die als trutzige Enklavisten innerhalb der EU ausserhalb leben, schon gross zu schnöden.

Viel interessanter ist es, nun zu beobachten, wie die Briten ihr «New Normal» realisieren. Ein wesentlicher Pfeiler ist die Einschränkung der Immigration. Laut offiziellen Absichten soll die Einwanderung nur noch «den Besten» erlaubt sein und den einströmenden Tieflöhnern der Riegel geschoben werden. Künftig sollen die Briten «ihren Dreck selber wegmachen». Und dafür anständig bezahlt werden. Klingt ja eigentlich sinnvoll. Aber klappt das auch?

Gerade im Gesundheitswesen, und besonders in der Langzeitpflege, arbeiten in England, wie auch hierzulande, Heerscharen billiger, ausländischer Arbeitskräfte. Der Sektor hat entsprechend einen Heidenbammel vor dem «New Normal». An welche Schreckensszenarien muss man sich gewöhnen? (Im Kino würde ich jetzt zur Popcorntüte greifen…)

Es gibt grundsätzlich drei mögliche Ausgänge: a) Das Gesundheitswesen wird ausgeblutet. Wartelisten werden zu Todeslisten, die Pflege obliegt den Angehörigen, es wird «Couvertmedizin» betrieben (nur wer cash am System vorbeibezahlt, erhält eine Behandlung). Ein Zustand, den man aus Entwicklungs- und Schwellenländern kennt. b) Das Gesundheitswesen wird von den strengen Immigrationsbeschränkungen ausgenommen. Billigarbeitende dürfen weiterhin einreisen. Wird ihr Aufenthalt jedoch an die Stelle gekoppelt, macht es ihn zu einem Dead End und somit letztlich unattraktiv. c) Das Gesundheitswesen wird umgekrempelt. Da auch für niedrigqualifizierte Arbeit anständige Löhne bezahlt werden müssen, muss das Geld irgendwo anders eingespart werden. Sei dies, indem man vermehrt auf Robotik und Technologie setzt, Kompetenzen konsequent «nach unten» verlagert, die Patienten vermehrt zu Co-Produzenten macht oder andere innovative Konzepte entwickelt.

Szenario a) ist zum Fremdgruseln, Szenario b) zum hämisch Grinsen («haben wir’s doch gewusst!»), Szenario c) hingegen echt spannend. Denn die Ausgangslage der Briten ist der unsrigen gar nicht so unähnlich. Auch wir verfolgen eine Einwanderungspolitik der «get the best», schlagen uns mit einer schlecht bezahlten Gesundheitsworkforce herum, betreiben eine Apparatemedizin und geben viel zu viel Geld für unnötige Behandlungen aus.
Wenn es den Briten gelingt, eine schlaue Antwort auf ihr selbsterzeugtes Problem zu finden, so könnten wir daraus etwas lernen. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir den Briten etwas abschauen (wie zum Beispiel das «Auf-die-Berge-Kraxeln» – ohne Engländer gäbe es den SAC nicht) und im Gesundheitswesen hatten sie schon immer eine Vorreiterrolle (Florence Nightingale lässt grüssen – mit oder ohne Kugelschreiber).

Man kann vom Brexit halten, was man will, unterhaltsam wird er auf jeden Fall. Also: Rein in den Zuschauersessel, Beine hochlagern und zur Popcorntüte greifen!

2 Kommentare

  1. Liebe Ami, ich habe den Artikel mit Schmunzeln und Lachen gelesen. Die Dänen machen schon zumindest eine Unter(un)Art von Couvertmedizin: Um die Arbeitsausfälle bei Arbeitsunfähigkeit und damit die Lohnfortzahlungskosten möglichst tief zu halten, bezahlt der Arbeitgeber dem Spital etwas (Couvert), damit es die geplante Operation des Arbeitnehmers vorzieht und die ehrlich Wartenden immer weiter nach hinten rutschen, bis sie endlich operiert und von ihren Leiden erlöst werden. Ich wünsche Dir für die 42,195 Kilometer viel Genugtuung!

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    • Merci, Ruedi! 🙂

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