Notvorrat

31. März 2020 | 7 Kommentare

Die Coronakrise ist noch nicht vorüber, schon melden sich Stimmen zum Fortbestand der Kleinspitäler: Sie gehören zum «Notvorrat» der Gesundheitsversorgung. Tatsächlich?

Die Schweiz steht auf dem Kopf. Ein mehrheitlich harmloses Virus zwingt die Wirtschaft in die Knie, krempelt das Bildungssystem um und hebelt das Sozialleben aus. Menschen leiden entweder unter Homeoffice-Koller oder Überarbeitungssyndromen. Alte und Kinder werden eingesperrt, erstere zu ihrem Schutz, letztere zum Schutz der ersteren.

Foto: Privat. Gesehen in der Nähe von Krauchtal i.E., 20.3.2020

Das Land ist im Hamstermodus und stockt seine Notvorräte auf. Namentlich Klopapier. Schliesslich lautet die Devise: «Kluger Rat – Notvorrat», um gewappnet zu sein für alle Lagen, A, B und (W)C.

Und das Gesundheitswesen? Unterzieht sich einem kollektiven Stresstest: Spitäler werden umgerüstet, Strukturen umgekrempelt, Ops-Pläne zusammengestrichen. Wir haben den Ausnahmezustand, den wir immer schon herbeibefürchtet haben. Dass es zu einer Pandemie kommen würde, war ja nie eine Frage des Ob, sondern des Wann. Und des Wie: Wie «schlimm» wird es? Wie ansteckend und wie tödlich der Erreger?

Covid ist «halbschlimm». Hoch ansteckend aber zum Glück nicht sehr tödlich. Da sollten wir doch mit unseren Kataplänen, Notfalldispositiven und Infrastrukturen für besondere Lagen super darauf vorbereitet sein, oder?

Indes, die alten GOPS und geschützten Spitäler werden nicht reaktiviert. Sie sind für die Versorgung von Patientinnen und Patienten ungeeignet. Nach Ende des Kalten Kriegs sank die Bereitschaft, sie zu bewirtschaften und DRG gab ihnen den Todesstoss. Sukzessive wurden sie abgebaut, und jene, die es noch gibt, befinden sich in einem mehr oder weniger unbrauchbaren Zustand. Kommt hinzu, dass Covid zwar eine massive Bedrohung darstellt, aber völlig anders geartet ist als ein nuklearer Gau, eine bombenzündende Terroristenhorde oder eine tödliche Seuche.  

Die aktuelle Krise wird jedenfalls ohne diese speziellen Infrastrukturen bewältigt. Bettenkapazitäten werden dort geschaffen, wo sie rasch und zweckdienlich bereitgestellt werden können: In den für die Schliessung oder Umnutzung vorgesehenen Spitaleinrichtungen. Ist dies jetzt der Freipass für den Erhalt der Landspitäler? Wird man nach der Krise anders über Spitalschliessungen sprechen?

Vermutlich. Während zwei Jahren. Allerhöchstens. Weil: Akutspitäler sind nach wie vor der Krise ein teures und schlechtes Mittel für die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung. Ins Spital müssen nur die allerwenigsten Leute, auch wenn sich dies in Krisenzeiten dramatisch ändern kann.

«Kriterien für einen Spitalaufenthalt», Tinte auf Tischset, 31.1.2020
Dr. Claude Schummer, CEO Hôpitaux Robert Schuman, Luxemburg

In Krisenzeiten ist es das Wichtigste, flexibel reagieren zu können. Warum nicht wie die Chinesen in Rekordzeit Spitäler aus dem Boden stampfen, die man bei Nichtgebrauch wieder einstampft (und sich dadurch komplizierte Bauvorgaben und aufwändige Verfahren erspart)? Das kommt immer noch günstiger, als Leerkapazitäten und Infrastrukturen für teures Geld mitzuschleppen, nachzurüsten und instand zu halten. Besonders, wenn wir sie letztlich gar nicht nutzen.

Wir sollten aus der GOPS-Geschichte Lehren ziehen und aus Spitälern keine Zombies machen. Und wir sollten unsere knappen Ressourcen, unser Personal und unser Geld, dort einsetzen, wo es der Bevölkerung maximal dient. Wer sich mit viel Notvorrat umgibt, hat wenig Platz zum Manövrieren und verrammelt sich die Sicht auf Neues.

Auf Krisen kann man sich nie 100%-ig vorbereiten. Aber man kann sich Handlungsspielräume freihalten und Kreativität bewahren, solidarisch sein und kooperieren. Dass dies möglich ist, wird tagtäglich bewiesen – nicht zuletzt im Kanton Freiburg, wo die Krise professionelle, kommerzielle und regionale Barrieren weggefegt hat. In Krisenzeiten müsste, durch Ankurbeln der heimischen Produktion, ebenso der Würgegriff der globalen Beschaffungsabhängigkeit gelockert werden können.

Was nach Covid kommt, wissen wir nicht. Vielleicht bricht der isländische Katla aus (er ist überfällig), vielleicht der Markt für Gesundheitspersonal ein (gar nicht so abwegig). Wir kennen die Natur der nächsten Krise nicht. Aber wir sollten unsere Natur kennen: Wir Menschen sind enorm anpassungsfähig und sehr erfinderisch. Schliesslich brauchten unsere Vorfahren weder Navis noch Versicherungspolicen und auch kein Klopapier, um sich von den Bäumen zu trauen.

Und der Notvorrat? Gehortetes Toilettenpapier kann man nach und nach verwenden. Gehortete Spitalkapazitäten nicht.

7 Kommentare

  1. Liebe Ami

    Mit Vergnügen habe ich deinen Beitrag zur COVID-Krise gelesen.

    Deinem launigen Artikel zu einem an sich ernsten, weil uns alle betreffenden und kostenträchtigen Thema kann ich vollen Umfangs zustimmen. Sicher wird nach dieser Krise eine Manöverkritik erforderlich sein, wir wollen und sollen daraus lernen. Aber richtig ist auch: Not macht erfinderisch und Krisen sind immer auch als Chancen zu begreifen.

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  2. Guten Tag Ami
    Danke für den interessanten Beitrag. Politische Vorstösse zur „Not- und Eigenversorgung“ werden, wie das Amen in der Kirche, mit Bestimmtheit kommen. Sofern es diverse Gesundheitsmaterialen betrifft oder gar die vermehrte Ausbildung von Gesundheitspersonal, habe ich grundsätzlich nichts dagegen. Was es aber auch nach der Krise braucht und Du hast es angetönt, eine verstärkte Zusammenarbeit der Spitäler untereinander, insbesondere auch zwischen öffentlichen und privaten, zum Wohl des Gesundheitswesens an sich. Auch in normalen Zeiten.

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  3. Ich bin mit der mit einem Augenzwinkern verfassten „Bestandesaufnahme“ zu 100% einverstanden.
    Möge der Satz „Handlungsspielräume freihalten und Kreativität bewahren, solidarisch sein und kooperieren“ fürderhin als Leitsatz unseres (politischen) Handelns dienen, und dies durchaus nicht nur in der Spitalplanung bzw. im Gesundheitswesen.

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  4. Mir geht es gleich wie dir, auf die Nachbearbeitung bin ich sehr gespannt.

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  5. Liebe Ami

    Wie Du wohl vorgegangen wärst in Deiner letztjährigen Funktion? Ich musste in den letzten Wochen ab und an einmal daran denken…

    Merci für Deinen Sprachwitz und die Sicht auf Kollateral-Sphären!

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  6. Liebe Ami

    Ich danke dir für diesen erfrischenden Beitrag! Nur wer gar nichts von der Sache versteht, fordert jetzt mehr Spitäler im Land. Es bräuchte ja dann auch mehr Personal und dieses fehlt.

    Beste Grüsse

    Ruedi Friedli

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  7. Guten Tag

    Es gibt aber schon en paar mathematische Gegebenheiten, die in solchen Krisenmomenten zu berücksichtigen sind. Sicher müssen wir nicht mehr Spitäler bauen, aber die, welche schon heute zur Versorgung beitragen, die sollten wir so gestalten, dass ein kurzfristiger Ausbau eben möglich ist. Wer die Spitalszene kennt, aber dann doch nicht so recht, denkt dass ein „Hôpital interkantonal de la Broye“ (zum Beispiel) eigentlich keine Berechtigung mehr hat. Weit gefehlt, es ist das zweitwichtigste Spital in dieser Krise neben dem CHUV (in Bezug auf Fallzahlen und Beatmungen COVID) im Kanton Waadt. Es kann also auch sein dass wir besser dastehen weil:
    Verglichen mit dem Ausland die Spitallandschaft immer noch nahe zum Bürger aufgestellt ist.
    So sind medizinische und pflegerische Ressourcen besser verteilt, das bedeutet besser verteilte Ausfallrisiken.
    Das Krisen-Management hat deshalb mehr Flexibilität.
    Die Informationen fliessen besser und schneller zur Bevölkerung.
    Das sind meine Beobachtungen und Feststellungen.

    Beste Grüsse Stephan

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